Definitionssache

Stolpersteine durch unklare Definitionen

Bibel und Brille

Eine absurde Situation

Man sollte doch meinen, dass die Menschheit sich nach so langer Zeit endlich auf eine klare Definition des Begriffes „Religion“ geeinigt hat. Doch das steht leider nach wie vor aus. Wo hören Religionen auf, wo fangen Sekten an? Welche Merkmale muss ein Glaubenskonstrukt mitbringen, um als Religion zu gelten? Muss der Glaube durch eine Institution mit klar definierten Strukturen vertreten werden, um als vollwertige Religion durchzugehen? Ist eher die Anzahl der Anhänger oder eher die Botschaft entscheidend?
Abschließend beantworten kann ich das hier natürlich nicht, ich kann nur meine Definition anbieten und hoffen, damit vielleicht den ein oder anderen zum Nachdenken anzuregen. Die nun folgende Liste erhebt selbstverständlich keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit.

  • Ein deistisches/übernatürliches Konzept
    Primäres Merkmal einer jeden Religion ist in meinen Augen der Glaube an ein oder mehrere übernatürliche Mächte, die sich unserer direkten Wahrnehmung entziehen und über die Welt gebieten. Ob es sich dabei nun um einen personifizierten Gott handelt oder um andere Mächte (Stichwort Karma) ist dabei unerheblich.
    Eine Religion muss also nicht zwangsläufig theistisch sein. Wenn zwar übernatürliche Mächte hinter der Welt angenommen werden, diese aber keinen eigenen Willen besitzen, hat man demnach eine atheistische Religion. Das ist z.B. beim Buddhismus so.
  • Gesellschaftsfördernder Ansatz
    Um eine authentische Religion zu sein, müssen die Glaubensgrundsätze zudem eine Verbesserung oder Ordnung der Gesellschaft zum Ziel haben. Eine Glaubensgemeinschaft, die nicht auf eine bessere Welt hinarbeiten möchte, hat es in meinen Augen nicht verdient, sich Religion zu nennen. Ein Paradebeispiel wäre hier der Satanismus. Er baut auf denselben Prinzipien wie das Christentum auf, hat aber keinerlei positiven Nutzen für die Menschheit. Sich Religion zu nennen, das hat der Satanismus daher nicht verdient.
  • Gemeinschaftliches Prinzip
    Entscheidend ist auch, dass eine Glaubensgemeinschaft vorliegt. Ein einzelner Gläubiger macht noch keine Religion. Erst durch den Austausch untereinander, das gemeinsame Beten und den gemeinschaftlichen Zusammenhalt entsteht wirklich eine Religion.
    Ab welcher Größe man nicht mehr von einer Sekte spricht, das ist jedoch nicht ganz so einfach festzulegen. Meine Faustregel ist hier: Sobald sich über den Gründerkreis hinaus eine größere Zahl an Mitgläubigen gefunden hat, darf man getrost von einer Religion sprechen.
  • Eine Schrift als Grundlage
    Um einen gemeinsamen Kurs zu definieren und zu halten, ist ein Grundlagenmanifest enorm wichtig. Das kann eine heilige Schrift oder eine eher schmucklose Sammlung von Glaubensgrundsätzen sein. Die äußere Form ist mehr oder weniger völlig egal, so wie ich das sehe. Die Hauptsache ist, dass die Botschaft der Religion deutlich wird.

Aber auch über den Begriff der Religion hinaus gibt es enormes Potential für Missverständnisse. Denn bei einigen Worten sind schlichtweg falsche Definitionen weit in der Gesellschaft verbreitet. Ein perfektes Beispiel ist hier das Bedeutungsgefüge zwischen Atheismus, Theismus und Agnostizismus. Die meisten Leute gehen fälschlicherweise davon aus, dass der Theist an Gott glaubt, der Atheist nicht und der Agnostiker irgendwie dazwischen sitzt. Der tatsächlichen lexikalischen Bedeutung nach kann aber sowohl ein Theist als auch ein Atheist agnostisch sein. Denn Agnostizismus bedeutet erst einmal nur, dass man bezüglich eines Themas nicht der Meinung ist, seine Meinung beweisen zu können. Welche Meinung genau man vertritt, das ist damit noch nicht beantwortet.
Um es kurz klar zu machen:

  • Agnostischer Theist
    Er glaubt an Gott, denkt aber nicht seine Existenz beweisen zu können.
  • Gnostischer Theist
    Er glaubt an Gott und denkt, dass er dessen Existenz beweisen kann.
  • Agnostischer Atheist
    Glaubt nicht an Gott, meint aber nicht das beweisen zu können.
  • Gnostischer Atheist
    Glaubt nicht an Gott und denkt, dass er die Nicht-Existenz beweisen kann.

Es ist deshalb wichtig, diese Definitionen genau zu kennen, weil besonders Religionskritiker sich häufig auf die lexikalische Bedeutung beziehen. Wenn man diese bereits verinnerlicht hat, kann man Missverständnissen extrem gut vorbeugen. Und das ist im besten Interesse aller Beteiligten. Wenn man von unterschiedlichen Definitionen ausgeht, ohne sich darüber im Klaren zu sein, dann spricht man zwangsläufig aneinander vorbei. Glaubt mir, ich spreche da aus Erfahrung.

Wer sich über die Denkansätze agnostischer Atheisten ein bisschen weiterbilden möchte, dem empfehle ich die Online-Show „The Atheist Experience“. Manchmal wird dort (von beiden Seiten aus) der Ton ein bisschen rauer, aber man bekommt einen insgesamt recht guten Eindruck, warum diese Leute ihre Position vertreten. Und zu verstehen, warum andere Menschen denken wie sie denken, das kann niemals schaden, so wie ich das sehe. Wenn wir die Leute vom Glauben an Gott überzeugen möchten, dann müssen wir schließlich erst einmal verstehen, warum sie nicht an ihn glauben. Ein paar Englischkenntnisse sollte man hierbei aber mitbringen, da die Sendung aus Amerika stammt.

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