Die Theodizee-Frage

Theodizee heißt „Gerechtigkeit Gottes“ oder „Rechtfertigung Gottes“.

Kreuz unter dramatischem Himmel

Warum lässt Gott Leid zu?

Es ist eine der ältesten Fragen in der Theologie: Wenn Gott allmächtig und gleichzeitig gütig ist, warum lässt er dann zu, dass Menschen leiden? Mit der Theodizee-Frage sah ich mich letzte Woche auch konfrontiert, als mein kleiner Joshua mich etwas in dieser Richtung fragte. Und mir fiel ehrlich gesagt keine gute Antwort ein, die für einen kleinen Jungen verständlich wäre.

Die Sache ist aber auch wirklich etwas vertrackt. Da Gott allmächtig ist, könnte er ohne weiteres jegliches Leid von der Erde tilgen. Und da er gleichzeitig gütig und mitfühlend ist, müsste auch der Wille hierzu gegeben sein. Wie erklärt man sich diesen Widerspruch? In der Vergangenheit gab es da ja schon diverse Denkansätze:

  • Die beste aller möglichen Welten
    Es ist wohl eines der bekanntesten Zitate überhaupt. Leibniz erklärte sich das Leid auf der Welt so, dass selbst die beste aller möglichen Welten Leid als Bestandteil enthält. Und da er von einem gütigen Gott ausging, war seine Hypothese, dass wir in genau dieser Welt leben.
    Das klingt auf den ersten Blick vielleicht halbwegs überzeugend, steht aber im Widerspruch zur Allmacht Gottes. Denn wenn er keine Welt ohne Leid erschaffen kann, ist er nicht allmächtig. Die Allmacht ist allgemein ein ziemlich vertracktes Problem: Nehmen wir mal an, Gott hätte eine perfekte Welt geschaffen, in der es kein Leid und keinen Raum mehr für Verbesserungen gibt… Dann wäre es ihm auch dort nicht möglich, eine noch bessere Welt zu kreieren. Womit er wiederum nicht allmächtig wäre. Ich glaube das Thema Allmacht schreit nach einem eigenen Artikel, aber erst mal eins nach dem anderen.
  • Leid betont Freude
    Eine weitere These, die lange Zeit sehr beliebt war: Das Leid in der Welt existiert, um die Schönheit des Erfreulichen zu unterstreichen. Auch das mag auf den ersten Blick recht romantisch und schön klingen, hat aber einen ganz großen Haken. Denn es gibt genug Menschen, die ihr Leben lang nur Qualen und Schmerz erleiden, ohne jemals etwas wirklich Gutes zu erfahren. Ein solches Leben kann sich ein liebender Gott für seine Schöpfung eigentlich nicht wünschen.
  • Gott ist halt noch nicht fertig
    Theologen wie Klaus Berger haben noch einen weiteren Ansatz entwickelt: Die Schöpfung sei nach wie vor im Gange und damit unvollendet, woraus sich auch ihre Mäkel erklärten. Auch das ist natürlich wieder eine recht romantische Vorstellung, wirft aber eine entscheidende Frage auf: Warum hat Gott die Welt nicht direkt im perfekten Zustand erschaffen? Damit wäre eine Menge Leid verhindert worden. Und mit Allmacht und Allwissen stünde dem ja eigentlich nichts im Wege. Wieder nicht so recht überzeugend, der Ansatz. Berger neigt aber allgemein zu eher tendenziösen Aussagen.
  • Leid als Bestrafung
    Eine recht altertümliche Ansicht ist, dass jegliches Leid als Bestrafung für begangene Sünden interpretiert wird. Dieser Denkansatz scheitert aber schon auf der Startlinie. Denn Leid geschieht auch den Unschuldigen, ja teils sogar den frisch geborenen.
  • Der Mensch als Ursache für Leid
    Gerade heutzutage ist es sehr populär geworden, alles Negative auf der Welt menschlichem Wirken zuzuschreiben. Das Leid der Welt wäre damit eine direkte Konsequenz aus dem freien Willen des Menschen. Ich halte diesen Ansatz aber ebenfalls für nicht sehr überzeugend. Denn nicht alles Leid auf unserem Planeten entsteht durch menschliches Handeln. Ein Großteil der Naturkatastrophen würde auch dann passieren, wenn es keine Menschen gäbe. Und Krankheiten gäbe es ebenso ohne Menschen.
    Dass unsere Spezies viel Schaden anrichtet, das ist unbestritten. Aber längst nicht alles, was schlecht ist, geht auf menschliches Wirken zurück.

Was bleibt uns also übrig? Wenn keine Erklärung so richtig überzeugend ist, wie erklären wir uns dann das Leid um uns herum? Die Antwort ist ebenso einfach wie unbefriedigend: Gar nicht. Wir können als Menschen göttliches Wirken nicht in seiner Gesamtheit erfassen. Könnten wir das, wären wir selbst Gott.
Aber ich persönlich finde großen Trost darin, dass Gott mir durch alle Leiden hindurch treu zur Seite steht und mir Kraft gibt. Denn das bedeutet, dass wir ihm nicht egal sind. Und es bedeutet, dass er uns das Leid der Welt nicht grundlos zumutet. Ein aufbauender Gedanke. Aber erklären Sie das mal einem Zweitklässler…

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