Entstehung des Christentums

Jesus Christus gekreuzigt (mit Ölzweigen)

Eine einfache Frage… Oder doch nicht?

Ein Kind aufzuziehen, ihm die Welt zeigen und erklären zu können, das ist eines der größten Privilegien, die man auf dieser Welt haben kann. Das Gefühl, wenn aus den ersten zaghaften Schritten ein Rennen wird und aus den ersten Worten ganze Sätze werden, das kann wohl nur nachvollziehen, wer selbst Kinder hat. Die Sache bringt aber auch ganz neue Herausforderungen für uns Eltern mit sich, ganz besonders wenn es um komplexe Zusammenhänge geht.

Diese Erfahrung musste ich neulich erst wieder machen, als mein Jüngster mich fragte, woher denn eigentlich die Bibel kommt. Wie erklärt man einem 5-Jährigen, dass es sich hier nicht um ein einzelnes Buch im klassischen Sinne handelt, sondern um eine Sammlung verschiedenster Schriften, die über Jahrtausende hinweg entstanden sind? Wie erkläre ich ihm, dass die Bibel wichtig ist, obwohl teilweise weder das genaue Entstehungsdatum noch der wirkliche Autor der Texte bekannt ist? Ich könnte es mir natürlich einfach machen und ihm einfach sagen: „In der Bibel haben ganz viele Leute ihre Erfahrungen mit Gott aufgeschrieben“, aber das wird der Sache in meinen Augen nicht ganz gerecht und ich traue meinem Joshua durchaus zu, die Zusammenhänge wenigstens grob zu verstehen, wenn man sie ihm richtig erklärt.

Auf der Suche nach den Erfahrungen anderer Eltern sah ich mich also im Internet um und geriet dabei von der Frage nach dem Ursprung der Bibel mehr oder weniger durch Zufall zur etwas allgemeiner gestellten Frage nach dem Ursprung des Christentums. Gerade einige Details werden in diesem Zusammenhang nämlich leider viel zu selten behandelt, was ich wirklich schade finde. Parallel zu meiner Recherche für meinen Sohn begann ich also ein kleines Konzept für diesen Artikel zusammenzustellen. Denn es gibt zur Entstehung des Christentums einige interessante Dinge zu wissen, die vielen Leuten nicht bekannt sein dürften.

Die unfreiwillige Religionsstiftung durch Jesus

An mancher Stelle wird nach wie vor Jesus Christus als Gründer des Christentums genannt. Das ist insofern nicht richtig, als dass er Zeit seines Lebens immer Jude war, sowohl formal als auch vom Selbstverständnis her. Es war stets sein Ziel, den Juden die Erlösung zu bringen und ihnen die Kunde zu überbringen, dass der Messias, auf den sie schon so lange gewartet hatten, endlich gekommen war. Die Entstehung des Christentums geht letztlich darauf zurück, dass die jüdische Gemeinschaft sich damals nicht darüber einig werden konnte, ob Jesus den messianischen Prophezeiungen des alten Testamtens (oder aus jüdischer Sicht: der Tora) entsprach oder nicht. Interessanterweise geht es hierbei nicht darum, ob er die genannten Merkmale wirklich erfüllt hatte oder nicht. Man war sich in dem Punkt einig, dass Jesus im Laufe seines Lebens nicht alle Voraussagen wahr gemacht hatte. Wenn man den Umfang dieser messianischen Prophezeiungen bedenkt, bestand hier aber auch wirklich nicht viel Spielraum für Unklarheiten. Ich nenne hier einfach mal ein paar Beispiele, um den Punkt klarer zu machen:

  • Der Messias wird alle Juden in Israel versammeln. (Jesaja 43,5-6)
  • Der Messias wird weltweit für Frieden sorgen und jegliches Leid beenden. (Jesaja 2,4)
  • Der Messias wird die Welt im Glauben an Gott vereinen. (Secharja 14,9).

Der Unterschied bestand nun darin, dass einige der damaligen Juden der Ansicht waren, dass Jesus nach seiner versprochenen Rückkehr diese Prophezeiungen wahr machen würde. Ob dies im Einklang mit der Schrift stand oder nicht, darüber konnte man sich nicht einig werden, was letztlich in der Gründung des Christentums mündete. Dies geschah, sofern wir das heute sagen können, durch den Apostel Paulus. Das römische Reich mit seiner großen Ausdehnung erleichterte der neu aufkommenden Religion das Wachstum ungemein. Schon im Jahr 300 nach Christus waren etwa 15% der Bewohner des römischen Reiches Christen. Selbst England war bereits zu dieser Zeit von christlichen Missionaren erfolgreich besucht worden. Die Verfolgung von Christen war dabei eher die Ausnahme. Die bekannteste Ausnahme in dieser Hinsicht ist wohl die Verfolgung durch den Kaiser Nero, der sie als Sündenbock missbrauchte.

Spekulation, Fakt und Legende

Obgleich eine der wichtigsten Personen in der Menschheitsgeschichte, ist Jesus gleichzeitig ein Mensch, über den man nicht viel mit Sicherheit sagen kann. Seine Existenz ist historisch belegt, wenn es um Details seines Lebensweges geht, sind wir aber in erster Linie auf die Berichte in den Evangelien angewiesen. Wenn man bedenkt, dass die Evangelien nach aktueller Mehrheitsmeinung frühestens 30 Jahre nach dem Tod von Jesus geschrieben wurden, sehr viel wahrscheinlicher aber sogar erst 50-70 Jahre nach seinem Tod, dann ergeben sich daraus einige Probleme. Denn aus diesem Zeitfenster ergibt sich eindeutig, dass es sich nicht um Augenzeugenberichte handelt, sondern um Niederschriften mündlicher Überlieferungen. Wie zuverlässig diese sind, das weiß jeder, der schon einmal „Stille Post“ gespielt hat.

Hierdurch ergeben sich dann auch die Unterschiede zwischen den 4 Evangelien, die zwar in weiten Bereichen eine gemeinsame Schnittmenge haben, aber an manchen Stellen auch drastisch voneinander abweichen. Wenn man noch ein wenig weiter über den Tellerrand blickt und die Nicht-kanonischen Evangelien berücksichtigt (Thomasevangelium, Petrusevangelium, Judasevangelium, Philippusevangelium, Evangelium der Wahrheit), dann beginnen die Grenzen zwischen Fakten, Spekulationen und Legenden zunehmend zu verschwimmen. Einzig in seiner Göttlichkeit und seinem Opfer bzw. dessen Bedeutung sind sich alle Quellen einig.

Und ist das nicht letzten Endes genug? Ist der genaue Lebenslauf von Jesus wirklich so wichtig, wenn seine zentrale Botschaft die Jahrtausende überdauert hat? Liegt der Wert der Evangelien nicht vielmehr darin, dass sie uns anhand von Geschichten die Botschaft Gottes nahebringen und nicht in einer akkuraten historischen Darstellung?

Der Kanon des neuen Testaments

Wenn es so viele Evangelien außerhalb der Bibel gibt, stellt sich natürlich die Frage, warum diese nicht mit im heiligen Buch stehen bzw. wer das eigentlich entschieden hat. Zur Beantwortung dieser Frage wollen wir uns die Entstehung des neuen Testaments einmal genauer ansehen.

Diese begann mit der Sammlung der Paulusbriefe, was einigen Quellen zufolge schon 70 nach Christus geschehen sein dürfte. Doch schon an dieser Stelle begann die Verfälschung der Ursprungsschriften. Bereits während der Lebenszeit des Paulus von Tarsus wurden Fälschungen verbreitet, die durch seinen Namen legitimiert werden sollten. Nach seinem Tod gab es auch Ergänzungen und neue in seinem Namen verfasste Schriften, die teilweise sogar von seinen Anhängern selbst verfasst wurden. Sehr wahrscheinlich wollte man die neu aufkommende Religion des Christentums aktuell halten, was Anpassungen unvermeidlich machte.

Erste Versuche zur Etablierung eines einheitlichen Kanons wurden schließlich im 2. Jahrhundert unternommen. Je nach Region unterschied sich die verwendete Auswahl an Schriften jedoch sehr stark und längst nicht alles, was im Gottesdienst verlesen wurde, war zwangsläufig Bestandteil des Kanons.

Auch auf formeller Ebene wurde in den folgenden Jahrhunderten sehr viel darüber diskutiert, welche Schriften nun kanonisch sein sollten und welche nicht. Am bekanntesten sind wohl die Kommentare von Origenes (ca. 230) und die Kirchengeschichte des Eusebius von Caesarea, die sich detailliert mit den Details zu den einzelnen Texten auseinandersetzten und dabei auch eine deutliche Wertung vornahmen.

Die Entwicklung gipfelte schließlich in der dritten Synode von Karthago, die als erstes offizielles Kirchenorgan den heutigen Kanon als korrekt anerkannte. Im Gegensatz zum Alten Testament gibt es bis heute unter den verschiedenen christlichen Strömungen kaum verschiedene Ansichten darüber, was in den Kanon des Neuen Testaments gehört. Dies spricht definitiv für die damals getroffene Auswahl und zeigt sehr deutlich, dass nicht einfach beliebig Texte zusammengefasst wurden.

Alle Klarheiten beseitigt

Wir müssen uns als Christen definitiv damit anfreunden, dass gewisse Aspekte bezüglich der Entstehung unserer Religion für immer ein Geheimnis bleiben werden. Doch der Blick nach vorne ist eigentlich ja auch viel wichtiger. Was bringt uns schließlich ein genauer Lebenslauf über das Leben von Jesus, wenn wir darüber vergessen die Zukunft unserer Religion und unserer Welt für unsere Kinder zu gestalten?

Zur eingangs aufgeworfenen Frage habe ich meinem Sohn schließlich Folgendes gesagt:

„Für die Bibel haben sich ganz viele Leute zusammengesetzt und sich überlegt, wie man Gott am besten erklären kann. Damit es nicht so langweilig wird, haben sie es dann in Geschichten verpackt.“

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