Kleine Bibelkunde: Schöpfungsgeschichte

Gibt es zwei Schöpfungsgeschichten?

Sonne über grüner Wiese

Oft werden das erste und zweite Buch Mose als unterschiedliche und voneinander unabhängige Schöpfungsberichte gesehen. Auf den ersten Blick erscheint das auch logisch, denn in Mose 1 war die Schöpfung schließlich schon abgeschlossen. Warum sollte man dann plötzlich in Mose 2 noch einmal damit anfangen, wenn man nicht die Absicht hat, eine alternative Variante zu erzählen.
Die Antwort darauf ist überaus simpel, wenn auch nicht gerade intuitiv aus unserer modernen, westlichen Sicht heraus. Denn in der hebräischen Kultur war es bei Erzählungen sehr üblich, dass zunächst einmal nur die groben Zusammenhänge geschildert werden und dann im Anschluss erst der wichtigste Teil der Geschichte noch einmal im Detail behandelt wird.
Wer sich die Schöpfungsmythen der Bibel einmal genau ansieht, dem wird mit dieser Information im Hinterkopf eines auffallen: Der „erste“ Schöpfungsbericht behandelt das große Ganze, während der „zweite“ sich auf die Erschaffung des Menschen konzentriert. An dieser Stelle wird also 1 zu 1 der hebräischen Erzähltradition gefolgt.

Das soll nicht heißen, dass es in diesen beiden Schriften keine Widersprüche gibt. Es gibt ein paar stilistische Unterschiede, wie z.B. die Art, wie Gott bezeichnet wird. (Einmal als „Gott“, einmal als „Gott der Herr“) An manch anderer Stelle treten nur in bestimmten Übersetzungen Widersprüche auf und in anderen nicht. So ist z.B. die Erschaffung der Tiere in Mose 2 entweder schon vor der Erschaffung des Menschen geschehen oder geschieht erst danach. Hier zwei Übersetzungsansätze im Vergleich:

„Und Gott, der Herr, bildete aus dem Erdboden alle Tiere des Feldes und alle Vögel des Himmels, und er brachte sie zu dem Menschen, um zu sehen, wie er sie nennen würde“

„Und Gott, der Herr, brachte alle Tiere des Feldes und alle Vögel des Himmels, die er aus dem Erdboden gebildet hatte, zu dem Menschen, um zu sehen, wie er sie nennen würde.“

Ich muss ehrlich gestehen, dass meine Hebräischkenntnisse nicht ausreichen um zu bewerten, welche Übersetzung nun zutreffender ist. Es wäre absolut nicht ungewöhnlich, wenn eine Übersetzung nachträglich ein wenig hingebogen wird, um Widersprüche auszumerzen. Mir bleibt an dieser Stelle nur übrig, auf die Strittigkeit bezüglich der Übersetzung hinzuweisen. Abschließend bewerten kann ich die Sache leider nicht.

Sind Widersprüche überhaupt schlimm?

Viel wichtiger finde ich die Frage danach, ob derartige Widersprüche denn überhaupt in irgendeiner Form schlimm sind. Und ich muss sagen: Ich finde es ist vollkommen egal, ob die beiden Schöpfungsgeschichten nun unabhängige Alternativen darstellen, sich ergänzen oder einander widersprechen. Es geht nicht um eine konsistente Darstellung tatsächlicher Ereignisse. Es geht darum, über den symbolischen Weg einer Geschichte Werte und Botschaften zu vermitteln.

Und die Botschaft unserer zwei Schöpfungsgeschichten ist in meinen Augen recht eindeutig: Wir tragen die Verantwortung für diese Welt und haben ordentlich damit umzugehen. Wir haben Fehler, aber entstammen trotzdem Gott in seiner Unfehlbarkeit und tragen diesen Funken weiterhin in uns. Das heißt wir haben nicht nur die Pflicht, uns um unseren kleinen Planeten zu kümmern, wir haben auch die notwendigen Voraussetzungen dafür.
Zugegebenermaßen nicht die tiefsinnigste Interpretation, aber eine wie ich finde sehr überzeugende.

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