Das Vaterunser

Das klassische Gebet für die Endlosschleife

Jesus im Gebet

Das Gebet Vaterunser gehört zu den wichtigsten Texten im modernen Christentum. Über die Grenzen der Konfessionen hinweg hat es schon seit Jahrhunderten seine besondere Stellung inne und ist fester Bestandteil eines jeden Gottesdienstes. Selbst Nicht-Christen ist mindestens die erste Zeile „Vater unser im Himmel“ bekannt. Warum hier Vater unser manchmal zusammen und manchmal auseinander geschrieben wird, das kann ich übrigens leider auch nicht erklären. Sprache entwickelt sich halt dynamisch und bildet bisweilen merkwürdige Auswüchse.

Das Vater unser Gebet soll dem eigenen Glauben und auch dem Zusammenhalt der Gemeinschaft Ausdruck geben, weshalb es häufig im Chor gesprochen wird. Darauf deutet schon das „unser“ in der ersten Zeile überdeutlich hin. Sollten Sie zu den wenigen Menschen gehören, die das Vater unser noch nicht kennen, zitiere ich es hier noch einmal in voller Länge.

Vater unser im Himmel,

geheiligt werde dein Name.

Dein Reich komme.

Dein Wille geschehe,

wie im Himmel, so auf Erden.

Unser tägliches Brot gib uns heute.

Und vergib uns unsere Schuld,

wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.

Und führe uns nicht in Versuchung,

sondern erlöse uns von dem Bösen.

Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit

in Ewigkeit.

Amen.

Es existieren noch verschiedene andere Übersetzungen, diese sind jedoch heute größtenteils nicht mehr relevant. Der Einfluss des Vaterunsers lässt sich auch an ganz lapidaren Merkmalen ausmachen. Man denke z.B. mal an den veralteten Fahrstuhltyp Paternoster. Dieser heißt so, weil sich die Kabinen anhaltend im Kreis bewegen, wie ein sich immer wieder wiederholendes „Vater unser Vater unser Vater unser“.

Schauen wir uns das Gebet Vater unser aber einmal genauer an. Es beginnt mit dem Ausspruch.

Vater unser im Himmel,

geheiligt werde dein Name.

Hier muss unbedingt angemerkt werden, dass mit „geheiligt“ keineswegs eine Form von Anbetung gemeint ist. Vielmehr geht es darum, dass man gelobt Gott durch das eigene Handeln zu ehren und damit seinem Namen und seiner Botschaft gerecht zu werden. Auch wichtig ist der gemeinschaftliche Aspekt, der durch das „unser“ ausgedrückt wird. Aber das haben wir ja bereits angesprochen. Es geht weiter mit:

Dein Reich komme.

Hier gibt man letzten Endes ein Versprechen ab. Gottes Reich kann auf Erden nur dadurch entstehen, dass wir Menschen es (mit seiner Hilfe) errichten. Deshalb ist diese Textstelle besonders wichtig und steht nicht grundlos an zweiter Stelle.

Dein Wille geschehe,

wie im Himmel, so auf Erden.

Auch hier wird wieder eine Absicht erklärt. Der Betende spricht den Wunsch aus, Gottes Wille wahr werden zu lassen. Wichtig ist ebenso der Vergleich zwischen Himmel und Erde. Der Zustand, der im Himmel bereits unter Gottes Einfluss herrscht, soll auch auf Erden einkehren. Ob dies eine unerreichbare Utopie ist, darüber lässt sich ganz vortrefflich streiten. Vielleicht geht es auch mehr um die aufrichtige Absicht als um das tatsächliche Erreichen des Ziels. Es heißt zwar, dass der Weg zur Hölle mit guten Vorsätzen gepflastert ist, aber wer wirklich im Sinne Gottes handelt und Einkehr ins Paradies findet, hatte ja nicht nur Vorsätze, sondern hat auch nach ihnen gelebt. DAS ist in meinen Augen der entscheidende Unterschied.

„Unser tägliches Brot gib uns heute.“

Es ist relativ offensichtlich, wie dieser Abschnitt gemeint ist. Das Brot steht stellvertretend für all das, was wir zum Leben benötigen. Das Leben selbst an sich eingeschlossen. All das haben wir letztlich Gott zu verdanken und all das ist ein Geschenk, das nicht selbstverständlich ist. Grund genug, sich regelmäßig dafür zu bedanken und weiterhin um diese wichtige, lebensnotwendige Gabe zu bitten. Denn man sollte sie nicht als selbstverständlich annehmen.

Und vergib uns unsere Schuld,

wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.

Hier kommen gleich zwei zentrale Themen zur Sprache. Das Eingestehen der eigenen Sünden und die Vergebung der selbigen. Letztlich bitten wir Gott um Vergebung und versprechen unsererseits auch zu Vergebung bereit zu sein. Dadurch wird nicht nur die Botschaft Gottes unterstrichen, sondern auch die göttliche Natur des Menschen. Wir wollen und sollen dieselben Ziele anstreben wie er. Denn nur in der Symbiose aus Gott und Mensch kann sich auf dieser Welt etwas zum Positiven ändern.

Und führe uns nicht in Versuchung,

sondern erlöse uns von dem Bösen.“

Diese Textstelle kann anfangs etwas verwirrend wirken. Wenn Gott doch die Verkörperung alles Guten ist, warum bittet man ihn dann darum, dass er einen nicht in Versuchung führen soll? Letztlich ist es jedoch ganz simpel: Auch hier wird wieder darauf abgezielt, den status quo nicht einfach als selbstverständlich hinzunehmen. Es geht darum, dass Gott theoretisch jeden von uns in Versuchung führen KÖNNTE, es aber nicht tut. Und indem wir ihn bitten, dies auch weiterhin nicht zu tun, unterstreichen wir unsere Wertschätzung für seine Entscheidung, es nicht zu tun. Das gleiche gilt für die zweite Zeile. Es liegt in Gottes Natur, dass er uns vor dem Bösen erlösen will. Doch in unserer Bitte an ihn, dies auch weiterhin zu versuchen, findet unsere Wertschätzung für seine Bemühungen Ausdruck.

„Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit

in Ewigkeit.

Amen.“

Hier wird in gewisser Weise noch einmal rekapituliert, was zuvor gesagt wurde. Das Reich, dessen Kommen man sich zuvor wünschte, wird erneut als Gott zugehörig definiert. Die Kraft meint unterm Strich dasselbe wie zuvor das symbolische Brot. Die Kraft zu leben, die Kraft am Leben zu bleiben und die Kraft, das Richtige zu tun. Die Herrlichkeit Gottes wiederum spiegelt sich in erster Linie in seinem Willen zur Vergebung wieder, wiederum ein Rückbezug.
Das „In Ewigkeit“ untermauert noch einmal den eigenen festen Glauben, dass dies auch so bleiben wird.
Das „Amen“ müssen wir an dieser Stelle hoffentlich nicht erklären.

Nur Falls sich jemand für die lateinische Originalfassung interessiert, zitiere ich auch diese hier noch einmal:

Pater noster, qui es in caelis:

sanctificetur nomen tuum.

Adveniat regnum tuum.

Fiat voluntas tua,

sicut in caelo, et in terra.

Panem nostrum supersubstantialem (cotidianum) da nobis hodie.

Et dimitte nobis debita nostra,

sicut et nos dimittimus debitoribus nostris.

Et ne nos inducas in tentationem,

sed libera nos a malo.

Amen.

Was komischerweise kaum jemand weiß: In der Bibel existieren zwei verschiedene Fassungen. Die heute gebräuchliche kommt aus dem Matthäusevangelium, es gibt aber auch eine Version im Lukasevangelium. Der Text von Matthäus ist dabei deutlich länger als der von Lukas, obwohl es einige Übereinstimmungen gibt. Das legt nahe, dass man bei Lukas die ursprüngliche Fassung findet, die dann in Matthäus ergänzt wurde.
Ein wirkliches Problem sehe ich darin nicht. Denn der Inhalt an sich ist deutlich wichtiger, als die Frage ob man nun eine frühere oder spätere Fassung verwendet. Die Evangelien entstanden Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte nach dem Tod von Jesus, da ist es so oder so utopisch anzunehmen, dass die niedergeschriebenen Gebete tatsächlich noch nah an seinen tatsächlichen Worten sind. Es ist in meinen Augen eine sehr gute Entscheidung, die passendere Variante der älteren vorzuziehen.

Die zentrale Bedeutung des Vater unsers wird auch dadurch deutlich, bei wie vielen Zeremonien es verwendet wird. (Eigentlich soll sogar jeder Christ es mindestens drei Mal am Tag sprechen.)
Die katholische Kirche nutzt das Vaterunser während der Messe, des Stundengebets, der Vesper und auch für das Rosenkranzgebet. Es wird von jedem katholischen Christen erwartet, dass er das Vaterunser auswendig aufsagen kann, was die meisten wohl auch gerade noch so hinbekommen sollten. Es steht von der Wichtigkeit her auf einer Stufe mit den 10 Geboten. Erstaunlicherweise entspricht die evangelische Kirche was diese Punkte angeht der katholischen Kirche. Abweichen tut hingegen die orthodoxe Kirche. Hier wird das Vaterunser zwar während des Gottesdienstes vom Priester gesprochen, aber abseits davon überhaupt nicht benutzt.

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